Biografie
Accelerate
Die aktuelle Biografie von R.E.M. kannst du hier auf der deutschsprachigen Webseite lesen.
Wahrscheinlich gibt es nur wenige Alben, die einen so treffenden Titel haben wie R.E.M.s neuestes Werk: Accelerate – Beschleunigen. Aber noch bevor sie diesen Titel für ihr 14. Album gewählt hatten, sogar noch bevor sie mit Aufnahmen begannen, hatten Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills eine klare Vorstellung davon, wie es sich anhören sollte.
„Turbo-Charged!“, so Stipe. „So würde ich das nennen. Ein turbo-angetriebenes R.E.M.-Album! Wir wollten alles möglichst schnell und direkt haben. Über den Titel haben wir uns eigentlich als letztes Gedanken gemacht, aber auch er sollte so direkt und drängend wie möglich klingen.“
Und so ist es. In 34 Minuten jagen R.E.M. durch 11 Songs, von denen jeder vor Elektrizität und Kantigkeit Funken schlägt. Und man bekommt das Gefühl, dass hier eine der anerkanntesten und beliebtesten Bands des Planeten, die zudem vor wenigen Jahren in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommen wurden, für sich selbst ganz neue Höhen entdeckt. Hier werden mehr als 25 Jahre auf ihren Kern zurückgeführt, vom voranpreschenden Opener Living Well Is The Best Revenge über die raubeinige erste Single Supernatural, Superserious bis zum apokalyptischen I’m Gonna DJ.
„Wir wollten diesmal alles auf seine Essenz reduzieren“, erklärt Bassist Mills. „Wir schrieben kürzere und schnellere Songs, und fast alle entstanden auf der E-Gitarre. Wir haben das meiste unter Live-Bedingungen im Studio aufgenommen und entschieden uns meist für die frühen Takes. Wir nahmen alle Strophen und Refrains raus, die nicht unbedingt notwendig für einen Song waren, versuchten herauszubekommen, was für den jeweiligen Song entscheidend ist und ließen alles andere beiseite.“ Und letztlich entspringt die Direktheit des Albums dem scharfen Auge auf die derzeitige Welt. „Es steckt eine Menge Dringlichkeit in der Musik“, so Buck. „Und ich spüre auch eine Menge Wut darin. Guck dir die Welt an, und du siehst jede Menge Gründe dafür, böse zu werden.“
Aber diese Wut ist konstruktiv: „Ich will diese erste Dekade des 21. Jahrhundert damit beenden, und das mit einem Gefühl der Hoffnung und der Begeisterung über das menschliche Potenzial, unser Potenzial, das von uns allen,“ ergänzt Stipe. „Und hier ist es.“
Über seine Texte sagt Stipe, dass sie sich sehr im gegenwärtigen Moment befinden, dass sie aber auch Rückblicke auf das enthalten, wie er sich die heutige Welt in seiner Jugend vorgestellt hat. Und damit meine er nicht, dass er erwartet hätte, dass jeder mit einem eigenen Jetpack durch die Gegend fliegt oder Urlaub auf dem Mond macht, sondern eine erhoffte Globale Einheit und einen Fortschritt, der bis heute nicht eingetreten ist. „Es geht hier um das Innerste unseres Seins – die Hoffnungen, die du als Kind hast, die Träume als 13-Jähriger im Jahr 1973, als ich begann, mich zwischen Umweltproblemen, der Frauenbewegung und dem Civil Rights-Movement zu bewegen“, so Stipe. „Ich werde wütend, wenn ich überlege, wie ich mir das 21. Jahrhundert vorstellte und jetzt die traurige Wahrheit sehe. Dieses Album kommentiert die damalige Zukunft, so wie ich sie mir vorstellte, und ich sage: Ich will meine Zukunft. Jetzt!“
Nicht nur auf dem Album schlug sich jene Direktheit nieder, auch auf einer Welttournee und im sehr direkt reagierenden digitalen Space. Zum ersten Mal arbeiteten R.E.M. mit Co-Producer Jacknife Lee zusammen, der ihnen von U2-Gitarrist The Edge empfohlen wurde. In kompakten Sessions wurde es in Vancouver, Dublin und natürlich Athens, GA, dem Geburtsort und Hauptquartier R.E.M.s, aufgenommen. Der gesamte Prozess verlief abgespeckt und sehr fokussiert: Nur Stipe, Mills und Buck im Studio, unterstützt von den langjährigen Tourbegleitern Scott McCaughey an den Gitarren und Bill Rieflin an den Drums.
Vor allem Lees Credits, die auch Bloc Party und Kasabian einschlossen, überzeugte die Band. „Ich schaute mir sein bisheriges Werk an und hatte das Gefühl, es könnte eine harmonische und herausfordernde Erfahrung werden, mit ihm zu arbeiten,“ erinnert sich Stipe, und Buck fügt hinzu: „Jemand gab mir eine Liste mit dem, was er gemacht hat, und ich stellte fest, dass ich alles in meiner Sammlung hatte und dass es alles klasse klang. All seine Alben hatten gemeinsam, dass sie ein bisschen wie Live-Aufnahmen wirkten – nicht eine ganze Kathedrale voller Zeugs, sondern eine Band, die gerade auf der Bühne steht.“
Nach Buck war für diesen neuen Ansatz vor allem die großartige Erfahrung auf der Welttour 2005-2006 verantwortlich, ein energetischer Trek, der auf dem CD/DVD-Pack R.E.M. Live zu bewundern ist. „Alle die uns sahen, erzählten uns, wie klasse wir klangen,“ erklärt er. „Und ich sagte immer: das ist genau das, wie wir sind. Lasst uns die Stärke unserer Live-Performance auf das Album bringen.“
Also taten R.E.M. etwas, was sie noch nie getan hatten: Sie testeten das gesamte Album vor Publikum auf einem „Live Rehearsal“ in Dublins Olympia Theater, das zugleich die Startmarkierung für das Video und die Filme mit Vincent Moon war. „Neun der Songs, die wir in Dublin gespielt haben, schafften es auf das Album,“ so Buck. „Man kann Songs fünf Tage in der Woche spielen, aber erst auf der Bühne merkst du, ob es schneller, kürzer oder tighter kommen muss. Alle Songs waren live-getestet, und das trug dazu bei, dass das Album sich eingespielt anfühlt und nicht zusammengesetzt.“
In vielerlei Hinsicht ist Accelerate ein Bruch mit den letzten R.E.M.-Alben Up (1998), Reveal (2001) und Around The Sun (2004), die fein ausgearbeitete Werke waren, welche die Möglichkeiten der Studioarbeit austesteten. Aber auf seine Art bündelt Accelerate das Repertoire R.E.M.s seit der 1981er Single Radio Free Europe und ist zugleich ein Neuanfang – der Song Sing For The Submarine referiert sogar deutlich ältere Songs. Für Stipe gehört das zu seiner Vision, die alten Träume zu einer neuen Gegenwart zu machen. „Eben darum geht es für mich auf dem ganzen Album, vom Artwork bis zum Titel,“ bestätigt er. „Und indem Sing For The Submarine durch den gesamten R.E.M.-Kanon geht, d.h. Songs, die eher meiner Traumwelt als der Wirklichkeit entsprangen, offenbart es den Gedanken, dass die postapokalyptische Zukunft gar nicht mal ein so beängstigender Ort sein muss. Alles ist kaputt und muss neu zusammen gesetzt werden, aber es gibt nichts Erschreckendes daran.“
Am Anfang des Albums stand I’m Gonna DJ, ein Song, der ursprünglich schon für Around The Sun geschrieben wurde, aber nicht in die Atmosphäre des Albums passte. Allerdings spielten R.E.M. den Song während der Tour, und er wurde sowohl ein Band- als auch ein Publikumsfavorit.
„Das ist ein guter und chaotischer Song,“ so Buck. „Ein Großteil des Albums erzählt vom Leben in dieser Welt – wie wahrscheinlich alle Songs auf der Erde. Aber wir wollten den chaotischen, energetischen und wütenden Vibe einfangen, der zu dieser Welt gehört.“
Nach Stipe wurde der Text von den Unruhen inspiriert, die das Treffen der WTO 1999 in Seattle begleitete. Und der DJ im Titel kratzt sich den Kopf und fragt sich, was das alles zu bedeuten hat. „Dieser Typ hat das Gefühl: ‚Mein Gott, ist das der Anfang vom Ende oder schon das Ende selbst?’. Und er fragt sich, wie er reagieren kann, auch über den Protest auf der Straße hinaus.“
Als zweites entstand der Opener Living Well Is The Best Revenge, in dem Michael die Medien und die Bedeutung, die sie in unserem Leben einnehmen, scharf kritisiert, „die Art, wie sie uns auf den falschen Weg führen“, wie er sagt.
Der nächste Song, Until The Day Is Done, hat einen sanfteren (aber nicht gerade zahmeren) Tonfall. „Eines meiner pseudo-irischen 6/4-Dinger,“ erklärt Buck. „Ich glaube, ich habe nichts wirklich Irisches in mir, aber dieser 6/4-Takt kommt mir immer vor, wie personifizierte Folkmusik.“ „Es hat großartige Vocals“, wirft Mills ein. „Ich liebe das wirklich. Es gibt dem Album eine gute Balance.“
Aber jeder Song birgt seinen spezifischen Grund zur Freude. „Mansized Wreath ist wie Wut, die mit einem Buttermesser aufgestrichen wird,“ schmunzelt Mills. Supernatural Superserious ist eine klassische Kombination aus R.E.M.-Wortwitz und lockerem Sing-Along, das Mills als „R.E.M.-2008“ bezeichnet. „Einer meiner Lieblingssongs vom Album, oder jedenfalls nah dran.“ Hollow Man benötigte insgesamt am meisten Zeit und war dementsprechend der letzte Song, der fertig wurde. Aber er bringt das Repertoire des Albums auf den Punkt.
Houston komprimiert laut Buck den Schock über die Katastrophe des Hurricane Kathrina auf eineinhalb Minuten emotionaler Dichtung. „An irgendeinem Punkt sagte Michael: ‚Ich will, dass jeder Song nur eineinhalb Minuten lang ist’. Also schrieb ich zwei oder drei davon und dieser war es dann. Als wir es das erste Mal in Dublin spielten, kannten Mike und ich weder den Text, noch hatten wir die Melodie je gehört. Michael hatte ihn nur über Kopfhörer mitgesungen und ich hab den Text nie gelesen. Aber ich vertraue Michael, und der Song ist einer meiner Favoriten auf dem Album. Er ist sehr machtvoll, traurig, aber ultimativ optimistisch“.
Der Titelsong Accelerate, das gleitende Mr Richards und das leicht vertrackte Horse To Water („Riesenspaß, das zu singen und zu spielen. Ich nenne es immer einen zerrissenen Faden“ – Mills) vollenden dann ein Album, das ist wie kein R.E.M.-Album zuvor. „Es hat mit allem Drum und Dran 34 Minuten für 11 Songs,“ so Stipe. „Kunst, Popkultur und Musik behandeln immer das hier und jetzt. Und so ist auch das Album – mitten im Jetzt!“.
